... und so langsam wie nötig. Der Wunsch, in unserer schnelllebigen Zeit
„schnelle“ und auch kostengünstige effiziente Lösungen für Probleme an die
Hand zu bekommen, ist nachvollziehbar.
Die beeindruckende Geschwindigkeit und Effizienz, mit der Klopftechniken und Chakrenbalancen tatsächlich
über emotionale Befindlichkeitsstörungen hinweghelfen, darf allerdings nicht zu dem Missverständnis
verleiten, dass u.U. bisher vermiedene Lernerfahrungen, mangelhafte grundsätzliche Problemlösestrategien,
Übergewicht oder unzureichende soziale Kompetenz ebenso auf einen Schlag überwunden sind.
Wenn ein Mann durch entsprechende Therapie also plötzlich seine Hemmungen überwindet, eine Frau anzusprechen,
heisst das noch nicht unbedingt, dass er bereits die Fähigkeiten hat, die er braucht, um langfristig eine
befriedigende Beziehung zu führen. Jemand, der seine Angst überwindet, im Rampenlicht zu stehen, hat deshalb
nicht zwingend den Inhalt für eine flammende Rede parat. All das will dann erst gelernt werden, weil es ja
bisher vermieden wurde, und das braucht durchaus seine Zeit.
Vergleicht man das „Klopfen“ mit der Wirkung einer Antibiotika-Gabe bei einem bakteriellen Infekt, kann es
zwar schnell zur Entfieberung kommen, dennoch brauchen Körper, Seele und Selbstheilungskräfte ausreichend
Gelegenheit zur Genesung.
Von einem vollständigen Therapieerfolg kann also erst dann gesprochen werden, wenn neu erworbene innere
Überzeugungen und Fähigkeiten auch im Handeln in den Alltag integriert worden sind, und wie das konkret
aussehen kann, sollte ebenfalls in den Beratungssitzungen besprochen werden.
Manchmal kommen in einer Therapie- oder Coaching- Sitzung bei vordergründig gut umrissen erscheinenden
Anliegen wie dem Wunsch, Panikattacken zu überwinden, das Rauchen aufzugeben, entspannt einen Vortrag halten
oder „ohne-rot-zu-werden“ eine Frau ansprechen zu können, tiefer zugrunde liegende Muster und sogenannte
„Lebensfallen“ heraus. Dabei kommt dem Therapeuten, der mit dem kinesiologischen Muskeltest arbeitet,
gelegentlich die unliebsame Rolle zu, „Überbringer der schlechten Nachricht“ zu sein. Indem er gravierende
psychologische Umkehrungen und Glaubenssätze zutage fördert, können diese dem Klienten in ihrer
Nachhaltigkeit und Auswirkung auf alle möglichen Lebensbereiche schlagartig offenbar werden.
Veränderung in eine positive Richtung setzt unter Umständen also auch voraus, vorübergehende, überraschende
Gefühle von Schmerz, Trauer und Entrüstung zu ertragen, die sich durch die Konfrontation mit dem eigenen
Lebensschema (wie z.B. der Lebensfalle „Unzulänglichkeit“, „mangelnde Selbstliebe“ etc.) ergeben können.
Der Klient sollte auch wissen, dass der therapeutisch gewünschte Verzicht auf ein Suchtmittel oder auf die
Neigung zu Gegenangriff, Flucht oder Vermeidung in Beziehungsverhalten oder Arbeitsleben zunächst sogar
verstärkt Gefühle von Unbehagen auslösen kann.
Die wirklich gute Nachricht: Durch die Balancetechniken bekommt der Klient ein wirksames Selbsthilfeinstrument
an die Hand, mit der er genau dieses Unbehagen oder z.B. eine Panikattacke auf völlig unschädliche Art und Weise
durchbrechen und in seiner emotionalen Schärfe und körperlichen Spürbarkeit reduzieren kann. Dadurch ist er auch
für die Zukunft diesem Geschehen weniger hilflos ausgeliefert, - ähnlich, als wenn jederzeit eine gut geladene
Taschenlampe zur Verfügung steht, sollte die Hauptsicherung einmal herausspringen.
Therapeut und Klient können sich dann in aller Ruhe auf die Suche begeben, wo evtl. ein „defektes Gerät“ sitzt,
das die Hauptsicherung aus gutem Grund hat streiken lassen. Das „defekte Gerät“ entspricht in so einem Fall einem
„unerlösten seelischen Konflikt“, einem spezifischen oder chronischen Trauma, einer Loyalitätsleistung zum
Herkunftssystem, einer „Lebensfalle“ oder wie auch immer man eine weiter zurückliegende seelische Ursache
samt aller nachfolgenden Konsequenzen bezeichnen möchte.
Rein technisch gesehen lässt sich auch diese mit akzeptierender Unterstützung des Therapeuten und der Methode
des kinesiologischen Muskeltests möglicherweise schon in der ersten Sitzung aufspüren, sogar auch schon
nachweislich in ihrer Überzeugungskraft verändern.
Faszinierenderweise tun sich, geführt durch den Muskeltest, die für die KlientIn relevanten Themen sozusagen
so sanft wie möglich und nach und nach zwiebelschalenähnlich auf.
Es bleibt seitens der KlientIn manchmal nötig, für eine geraume Zeit das auf eine gesunde Selbstakzeptanz
zielende „Beklopfen“ vorhandener psychologischer Umkehrungen und dysfunktionaler Glaubenssätze geduldig
beizubehalten, so dass auch auf der unterbewussten Ebene und nicht nur durch reine Gedankenarbeit ein
Umstrukturieren schädlicher Lebensschemata erfolgen kann. Die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit, ein
Minimum an Vertrauen und Zuversicht in sich selbst, den Therapeuten und Offenheit gegenüber der angewandten
Methode sind dabei unverzichtbar.
In den therapeutischen Sitzungen wird also nicht nur getestet, geklopft und balanciert, hilfreich ist weiterhin
das Erarbeiten von Zielen, das systematische, mitfühlende Beobachten und Benennen alter und neuer Verhaltensweisen,
innerer Dialoge, eventueller Rückschritte als auch positiver Veränderungen und Ressourcen.
Hat die KlientIn die Prämissen, das Prinzip und die Techniken der kinesiologischen Begleitung im Laufe der
Sitzungen erst einmal „verstanden“, wird sie fortan beurteilen können, wann sie eine unterstützende TherapeutIn
noch oder wieder einmal braucht und wann sie sich bereits selbst helfen kann.
© 2008 Christiane Seidenberg

